DER LACK IST AB!
Janett & Markus (spry)
Wir hadern mit uns selbst. Die Bundestagswahl vor wenigen Wochen hat einmal mehr gezeigt, wie tief die Verunsicherung sitzt: Wohin steuern wir? Wer sind wir noch – wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich? Die einen sprechen vom "kranken Mann Europas", die anderen kontern mit „drittgrößte Volkswirtschaft der Welt“. Lange war Deutschland ein Symbol für Stabilität und Erfolg, doch mittlerweile bröckelt dieses Selbstbild. Der Lack ist ab. Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht.
Lack – das klingt nach Hochglanz, nach Glätte, nach Perfektion. Eine makellose Oberfläche, die uns blendet, die poliert und modern wirkt. Doch darunter? In vielen Fällen: Rost. Verfall. Marode Brücken, zugige Klassenzimmer, geschlossene Schwimmbäder, überforderte Faxgeräte in unterbesetzten Verwaltungen. Es zeigt sich: Eine glänzende Oberfläche hilft wenig, wenn die Substanz bröckelt. Und das gilt nicht nur für Länder, sondern auch für Marken und Produkte.
Made in Germany: Zwischen Qualitätsversprechen und Realität
„Made in Germany“ – das war einmal ein Versprechen. Langlebig, robust, verlässlich. Deutsche Produkte sollten ewig halten. Und viele tun das auch. Einer unserer Kunden, ein typischer deutscher Mittelständler, stellt Produkte mit glänzenden Oberflächen her – wortwörtlich. Und rühmt sich dafür, dass seine Produkte 40 Jahre halten. 40 Jahre! Ein Anspruch, der fast rührend deutsch ist, aber in der heutigen Welt auch Fragen aufwirft: Ist das noch zeitgemäß? Ist das wirtschaftlich tragbar? Wollen Konsumenten das überhaupt noch?
Während sich viele Marken international längst darauf eingestellt haben, dass Innovation und Anpassungsfähigkeit entscheidender sind als schiere Haltbarkeit, kämpfen deutsche Unternehmen oft noch mit dem eigenen Perfektionismus. Qualität ist großartig, aber was, wenn sich die Welt um einen herum schneller bewegt, als ein Produkt überdauert? Der Spruch "Was lange hält, bringt kein Geld" war natürlich immer eine Provokation – aber vielleicht steckt darin mehr Wahrheit, als es uns lieb ist.
Marken als Fassaden?
In der Markenwelt gibt es viele Parallelen. Eine starke Marke glänzt, vermittelt Vertrauen, verspricht Qualität. Doch was passiert, wenn dieser Schein bröckelt? Wenn das Image mehr verspricht, als die Realität halten kann? Dann wird aus einer Marke eine Fassade.
Volkswagen täuschte mit manipulierten Abgaswerten Umweltbewusstsein vor – und musste einen milliardenschweren Skandal ausbaden. WeWork inszenierte sich als Innovationswunder, doch hinter der schicken Fassade steckte ein Geschäftsmodell ohne Substanz. Oder erinnern wir uns an Theranos: Ein Unternehmen, das behauptete, die Medizin zu revolutionieren – und letztlich auf einem Lügengebäude aufbaute.
Aber es muss gar nicht immer um Skandale gehen. Viele Traditionsmarken leiden heute darunter, dass sie sich zu lange auf ihrem äußeren Glanz ausgeruht haben, ohne sich darunter weiterzuentwickeln. So hat Nokia das Smartphone verpasst, Kodak die Digitalfotografie und möglicherweise der eine oder andere traditionsreiche Autobauer die E-Mobilität.
Ein schicker Auftritt, ein smartes Marketing – all das hilft nur begrenzt, wenn das Produkt oder die Unternehmenskultur nicht mithalten kann. Designer wissen das: Eine Marke kann poliert und auf Hochglanz getrimmt werden, aber wenn die Substanz nicht stimmt, bröckelt der Lack irgendwann. Und dann?
Warum es gut ist, wenn der Lack ab ist
Wenn der Lack ab ist, sieht man, was wirklich da ist. Und das ist eine Chance! Denn wenn die Risse sichtbar werden, entsteht Handlungsdruck. Wenn eine Brücke einstürzt, werden die anderen endlich saniert. Und wenn Unternehmen erkennen, dass es um mehr als Oberflächen geht, kann tatsächlich Neues entstehen.
Vielleicht müssen wir uns in Deutschland von der Idee verabschieden, dass Perfektion das höchste Gut ist. Vielleicht ist es wichtiger, beweglich zu sein, sich schneller anpassen zu können, statt auf Unverwüstlichkeit zu setzen. Dass Nachhaltigkeit heute auch bedeutet, sich ständig neu zu erfinden, statt nur auf Beständigkeit zu setzen.
Vom schönen Schein zur echten Stärke
Der Lack ist ab – na und? Vielleicht bedeutet das einfach nur, dass wir jetzt ehrlicher sind. Ehrlicher mit uns selbst, mit unseren Unternehmen, mit unseren Produkten. Deutschland ist nicht mehr das makellose, glänzende Aushängeschild der Weltwirtschaft – aber das heißt nicht, dass es keine Zukunft gibt. Ganz im Gegenteil: Die Zukunft gehört denen, die bereit sind, alte Vorstellungen loszulassen und neue Wege zu gehen.
Design und Markenentwicklung haben daher gerade heute vor Allem eine Aufgabe: nicht nur schöne Oberflächen zu schaffen, sondern echte Werte sichtbar zu machen. Marken, die sich nicht nur über Glanz definieren, sondern über das, was darunter liegt.
Denn am Ende zählt nicht, wie lange der Lack hält – sondern was bleibt, wenn er ab ist.
Auch dieses Mal: Herzlichen Dank, dass ihr eure Gedanken mit uns geteilt habt. Ich glaube, wir alle mögen ab und an ein wenig LACK – von glänzenden Momenten bis hin zu glanzlackierten Möbeln. Und wahrscheinlich ist das nicht nur in Deutschland so?