welcome design friends. P⁄⁄REVIEW. SALBEI
MAG #6
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EIN CHAMÄLEON NAMENS SALBEI – ODER BLAME IT ON THE SALBEI

Janett & Markus (spry)

OK, außer für die paar Gourmets, die ihn mit Zahnstochern an ihr Saltimbocca gepinnt haben, war Salbei bis vor einigen Jahren wohl für die meisten nur mit Husten- und Bronchialtee oder sonstigen ärztlichen Empfehlungen verbunden. Vielleicht auch schon damals mit dem Gedanken, sein Leben etwas natürlicher zu gestalten und nicht immer gleich das Fortschrittlichste, in diesem Fall die Chemiekeule, vorzuziehen.


Nachdem die Digitalisierung unser Leben nun endgültig im Griff hat, ist das anders. In einer Welt, in der Instagram, Pinterest und Tik Tok uns zu endgültigen Individualisten hat werden lassen, wir mit Wearables und Apps unsere Tagesabläufe, Mahlzeiten und unseren Schlaf steuern, jeden Mikrotrend ausprobieren und für alles und jeden eine Bubble finden, hat Salbei seinen Bedeutungsraum enorm ausgeweitet.


Salbei ist nicht nur Trend, sondern der Farbcode für unseren Zeitgeist geworden. Die Lieblingswandfarbe, die der Bäcker nebenan gewählt hat und die modernen selbstwirksamen, kosmopoliten Ästhet*innen auszeichnet, die wir alle (nicht) sein wollen: Solche, die gerne geschmackvoll, aber nicht zu laut, in einer sublimierten Welt zwischen Karriere, Familie, Freunden und Selbstfindung pendeln. Solche, die glauben, einen unabhängigen Geist zu haben und selbstbestimmt auszuwählen, was zu ihren einzigartigen Biographien und sich stets weiter entfaltenden Persönlichkeiten passt. Solche, die stetig irgendetwas Neues addieren, sei es das nächste NEM oder eine weitere Morgenroutine und gleichzeitig verzweifelt nach Ruhe und Reduktion suchen, um ihre aufgeregten Geister zu beruhigen. Solche, die sich vor der Welt da draußen und vor dem Doom-Scrolling der schlechten Nachrichten verschließen zu versuchen, in dem sie den Blick noch weiter auf sich selbst lenken.


Weil der Skandilook dafür immer noch zu laut und exaltiert ist, setzen wir zunehmend auf Japandi. In sich geschlossen, abgeschirmt vom Außen. Was braucht es auch noch Gegenständliches in einer Welt, in der alles nach und nach virtualisiert wird … erst die Musik, dann die Bücher, jetzt die Menschen … eine Welt, die sowieso untergehen wird mit Trump, Putin, Klimawandel und Co …


Aber in dieser (räumlichen) Leere und Klarheit fehlt dann doch wieder etwas. Ja, verrückt – es rührt sich so etwas wie ein Verlangen nach etwas Lebendigem – einer Farbe vielleicht, Hoffnung?!  Das beige Pampasgras ist dann doch auf Dauer etwas blass und leblos.  Also beginnen wir leuchtend grünen Matcha-Tee zu trinken und dezente Kränze aus Eukalyptus an unsere Wohnzimmerwände zu hängen. Und sogar über das Streichen unserer Wände nachzudenken: Und wir landen ganz vorsichtig bei Salbei, denn das Grün eines Rasens, eines Baumes oder gar einer „Grünpflanze“ wäre zu profan. Viel zu laut. Viel zu viel Statement. Nein, vielmehr muss es ein Grün sein, dass so chamäleonhaft ist, wie die Personen, die wir in unserer Vielschichtigkeit heute alle geworden sind.


Und genau das ist Salbei: Ein Farbchamäleon, dass sich brav allen Farben drumherum unterordnet, sich nicht bekennt. Wie das Salbeiblatt, dessen pelzige Oberseite je nach Blickwinkel anders schimmert, als würde es sich nicht festlegen wollen.


Und im Schimmern der Salbeihärchen überkommt uns leise eine unangenehme Selbsterkenntnis: Ist Salbei vielleicht ein Spiegel unserer Gesellschaft? Sind wir nicht alle zu Chamäleons geworden, die sich wie Salbeihärchen im Wind jedem Trend beugen, um bloß nicht aufzufallen?


Wohin führt uns dieses Abdriften in immer virtuellere Welten, diese ewige Suche nach uns selbst in den Social-Media-Kanälen, die ganzen Yoga-Stunden und zuletzt dieses unscheinbare Salbei? Dieses sich nicht bekennen wollen? Diese chamäleonhafte Haltung?


Es mag ein bisschen weit hergeholt klingen: Vielleicht ist Salbei als trendgewordener Ausdruck unserer selbstoptimierenden egozentrischen Unentschiedenheit das beruhigende Kraut, das uns sediert … während wir sich laut positionierenden Populist*innen die Meinungsführerschaft im öffentlichen Diskurs überlassen?


Vielleicht bewirkt Salbei aber auch genau das Gegenteil: Das Aufkeimen des zarten Grüns einer leisen Hoffnung, dass wir doch wieder zueinander finden, Echtes in unserem Alltag unterbringen und Unangenehmes zulassen, um uns damit auseinander zu setzen. Wie die Salbeipflanze, die wir hegen und pflegen müssen, damit sie wächst und gedeiht. Denn wir sind Menschen und es liegt in unserer Natur füreinander da zu sein.


In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein frohes Fest voller Wärme und Geborgenheit und ein Jahr 2025, das viele neue Farben in Ihr Leben bringt. Heißen Sie es willkommen.