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MAG #5
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TAUSENDSASSA – ODER DARF'S EIN BISSCHEN MEHR SEIN?

Janett & Markus (spry)

TAUSENDSASSA. So ein schönes Wort. Das erinnert an die Märchen von früher, an tausendundeine Nacht, den Orient, an Aladin und seine Wunderlampe. 

Der Tausendsassa ist jemand, der zaubern kann, bei dem Wünsche in Erfüllung gehen. Der 1000 Ideen hat und 1001 Dinge kann. Apropos: Ist es eigentlich der oder die Tausendsassa? Egal, wir wollen eh‘ über DAS Tausendsassa sprechen. 

Das, das wir alle kennen und in unserer Hosentasche beziehungsweise Handtasche tragen. Wenn wir es uns nicht gerade im augenunfreundlichen Abstand von dreißig Zentimetern vor die Nase halten. Jederzeit, jeden Tag, immer. Nach dem Aufwachen, neben dem Fernsehen, vor dem Schlafengehen. Das Tausendsassa, das Realität gewordene Wunderlampe ist und uns 1001 und wahrscheinlich noch mehr Funktionen in unsere Hand legt. Es ist ein Symbol der Freiheit. Die Freiheit jederzeit alles zu sehen, zu wissen, zu tun und zu können. Wir stehen vor ihm wie Aladin vor der Wunderlampe: Wir haben die Freiheit uns zu wünschen, was wir wollen. ALLES.

Aber was soll ich mir wünschen? 1 Millionen Goldstücke – warum dann nicht 10 Millionen? Oder besser 100 … ? Geld oder Liebe? Was ist das Richtige? Nutze ich meinen Wunsch optimal? Ginge es nicht noch besser?

Ist das nicht schrecklich überfordernd? 

Merken wir das nicht jeden Tag, wenn das Tausendsassa uns seine Möglichkeiten offeriert? Noch eine Serie oder einen Podcast? Da hat gerade Tom geschrieben. Mist, ich muss noch Anna antworten. Wollte ja das Rezept noch raussuchen und das Zugticket buchen. Hab’ Bock was zu spielen. Wie hat eigentlich der FC gespielt? Kurz Insta checken, noch ein Selfie vor’m Stadion und warum hab‘ ich nur 12 Likes? Newsflash: Sack Reis kippt …

Wir stehen vor dem Tausendsassa wie vor dem Dschinn aus der Wunderlampe … klein und überfordert. Das Tausendsassa ist für unser Primatengehirn viel zu groß. 

Merken wir die Zeit, die es uns eigentlich sparen soll, nicht noch viel deutlicher – weil wir viel zu viel davon mit dem Tausendsassa verdaddeln?

Hier kommt man nun auf die Millersche Zahl: Der Mensch kann nur 7 (+/- 2) Informationseinheiten im Kurzzeitgedächtnis behalten! Und das kann selbst durch Training nicht weiter gesteigert werden! Ja, diese Zahl wurde auch schon kritisiert, mache sagen, dass es je nach Messzeitraum mehr ist, andere, die die Forschung wiederholt haben, haben eine kleinere Zahl bestimmt. Also im Schnitt irgendwie doch ca. 7. Und das ist für das Jahr 2024 und demnächst KI fähige Tausendsassas verdammt klein!

Wie klein das ist, können wir vielleicht nicht benennen oder messen, aber spüren: Körperlich als Brennen in den Augen, als Schmerz im Ellbogengelenk, als Unruhe beim Einschlafen, als Entzug nach dem Aufstehen. Und seelisch, als Ärger über einen dummen Kommentar, als Enttäuschung über zu wenige Likes und als Hoffnungslosigkeit, weil die am Anfang versprochene große Freiheit, die große Demokratisierung von Kunst, Kultur und Meinung, die Vernetzung zu einer großen, toleranten Weltcommunity doch nicht eingetreten ist. 

Zu viel für dieses eine kleine Hirn, in das alles reinpassen muss. Was tun wir? Wir zerhacken alles in immer kleineren Happen, die unsere Aufmerksamkeitsspanne auf die des berühmten Goldfischs reduziert. Und hängen bleibt im Ergebnis wenig, außer der unangenehm klebrige Belag der Überforderung.

Sollen wir nun die Zeit zurückdrehen zum Nokia 3310? Nein. Müssen wir aufgeben und zu Goldfischen werden? Nein.

Wir können uns aber in Selbstbeherrschung üben. Mal weglegen, mal ausloggen, mal löschen. Und Dinge tun, die ohne das Tausendsassa funktionieren. Am besten welche, die beide Hände erfordern. Oder geschlossene Augen. Oder volle Aufmerksamkeit.

Deshalb hören wir jetzt hier auf. Denn Du liest sicher auf deinem Tausendsassa und hast schon rote Augen und 90 ungelesene Nachrichten … leg das Ding weg und komm raus aus Deinem Goldfischglas. Die Welt ist schön :)


 Lieben Dank an euch beiden Tausendsassas!